Aufbruch
 

Autoren: Hoberg/Kasüschke (2005)

Folgende Themen sind eingestellt und auch als pdf herunterladbar:

Aufbruch

Dankbarkeit

Lebenssinn

Innere Freiheit

Intrige

Krise

Neid

Transparenz

Vergangenheit

Werteverfall

 
 
Zu neuen Ufern aufbrechen. Das taten Menschen immer wieder, so dass zeitweise regelrechte Auswanderungswellen durch Europa liefen. Aber wozu nahmen diese Menschen die Strapazen der Reise ins Ungewisse auf sich - in eine unbekannte Welt und ließen ihre Heimat, ihr angestammtes Zuhause zurück? Briefe und Balladen voller Trauer und Wehmut zeugen davon, dass bei dem Aufbruch in das Neue die als schätzenswert erachteten Dinge bewahrt bleiben sollten. So entstanden, um diese Wehmut nach dem Verlassenen zu kompensieren und Sicherheit in der neuen Umgebung zu fühlen z.B. in Amerika deutsche, schwedische oder italienische Viertel, in denen die Tradition der alten Heimat über Generationen gepflegt wurde und wird. Die wenigsten Auswanderer und vor allen nicht die nachfolgenden, die Tradition aufrecht haltenden Generationen, kamen wieder zurück. Die, die aufbrachen taten dies nicht, um die Brücken hinter sich abzubrechen, auch wenn sie die Brücken nie wieder begingen. Die, die aufbrachen, taten dies sicher zum Teil aus wirtschaftlicher Not aber vor allem, um ihre Ideale, Wünsche und Ziele an anderer Stelle neu zu beleben und dies in ihrer Tradition.
Die, die aufbrachen und die, die zurückblieben einte häufig der gleiche Schmerz. Aber der Umgang mit diesem Schmerz war bei den einen resignierend und bei den anderen aktiv gestaltend.
Aus diesen Erfahrungen können wir für unseren Alltag eine Reihe von Ableitungen treffen. Denn wir müssen ständig entscheiden, ob wir bleiben oder aufbrechen wollen, ob wir verharren oder uns verändern möchten.
Wenn wir mit einer Situation oder Position brechen und diese hinter uns lassen, kann dies von denen, die zurückbleiben auch als weglaufen empfunden werden. Was unterscheidet aber die beiden Ansichten? Wann läuft der eine weg und der andere bricht auf? Die Tatsache des von A nach B Strebens und des hinter sich Lassens von A ist gleich. Beide Bewegungen sind erst einmal identisch und doch unterscheiden sich die Ziele und Motive voneinander. Also müssen wir den Unterschied nicht in der Aktion als solcher suchen, sondern in dem Grund – der Kausa - und in dem Ziel – der Finalität – des Handelns.
Menschen, die weglaufen, geben die Verantwortung für die Aufrecherhaltung und die Weiterentwicklung des Erreichten ab. Sie genügen sich in ihrer Bewegung von etwas weg - nicht zu etwas hin. So ist auch das Treten auf der Stelle oder ein Laufen im Kreis ein Weglaufen – nur das sich dabei die Umgebung weiter und damit weg bewegt.
Es spielt keine Rolle, ob dieses Weglaufen nach Umsetzen eines Teilziels erfolgt, oder aufgrund mangelnder Kompromissbereitschaft bei dem Anspruch, eigene Vorstellungen zu 100 Prozent umzusetzen. Allerdings geht mangelnde Kompromissbereitschaft oft einher mit der Tendenz, aus der erfahrenen Frustration heraus nicht nur wegzulaufen, sondern das zu zerstören, was aufgebaut wurde. Dabei bleiben andere nicht nur zurück, sondern auch mit der Situation allein.
Aufbruch hingegen ist immer gekennzeichnet durch den Aufbau von etwas Neuem, in der Tradition des Alten. Eingebunden in eine Gemeinschaft, die sich einer veränderten Welt stellt, aktiv handelnd zu gestalten: das ist Aufbruch. Er entsteht aus dem individuellen Erleben einer Starre, die nicht mehr aufzubrechen ist, verbunden mit dem Wunsch und dem Verlangen, etwas für sich oder andere zu verändern. Aufbruch ist immer verbunden mit einem Verlassen einer Situation und dem Streben nach einer neuen Gemeinschaft, in der Hoffnung auf eine bessere Verwirklichung der Ziele und Wünsche in der Tradition des alten. Damit ist der Aufbruch auch gekennzeichnet durch ein in eine neue Gemeinschaft hinein, nie nur von der alten Gemeinschaft weg. Gekennzeichnet ist der Aufbruch außer von dem Veränderungswunsch auch von der Bereitschaft, die Umsetzung seiner Ziele und Wünsche mit der neuen Gemeinschaft abzustimmen.
Aber entscheidend für uns als Individualpsychologen ist, dass sich der Aufbruch nie gegen das Verlassene richtet. So wird ein Wanderer, der zur Höhe aufbricht, nicht das Tal verdammen, von dem er gestartet ist. Er schaut zurück, beklagt die Mühen, die er auf sich geladen hat und ist vielleicht stolz darauf, die Enge verlassen zu haben. Aber er weiß, dass das Tal sein Ursprung ist. Andere möchten gerne im Tal leben. Der eine liebt den unbegrenzten Blick von der Höhe, der andere möchte im Schutz des Tales die vertraute Sicht bewahren. Beide können sich im Kreis Gleichgesinnter bewegen, ohne dass es ihnen zusteht, darüber zu urteilen, wer den besseren Weg beschreitet.

Lassen Sie uns im Bewusstsein des Ursprungs aktiv gestaltend zu neuen Ufern aufbrechen ... Es lohnt sich. 

Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert
 
 
(c) ViBD e.V.  

letzte Änderung der Seite:
 19. Juli 2015