Werteverfall
 

Autoren: Hoberg/Kasüschke (2006)

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Aufbruch

Dankbarkeit

Lebenssinn

Innere Freiheit

Intrige

Krise

Neid

Transparenz

Vergangenheit

Werteverfall

 
 
Es vergeht  wohl kaum ein Tag, an dem nicht Klagen über den Verfall von Werten zu hören oder zu lesen sind. Man ist fast versucht, sich darüber zu wundern, dass überhaupt noch Werte existieren.
Der Begriff Werteverfall intendiert, dass Werte wegfallen und dann nicht mehr vorhanden sind.  Werte werden aber vielfach „nur“ durch andere ersetzt.

Diese Klagen über den Werteverfall oder gar  ‑verlust  werden geführt, seit sich Menschen Gedanken über Werte des Zusammenlebens in der Gemeinschaft machen. So ist die Bewertung von Werten immer eine zeitgebundene und -  was  wir häufig vergessen -   eine kulturgebundene Angelegenheit.
Wir haben in der Geschichte  genügend Beispiele dafür, dass in einer Gesellschaft  Werte hochgehalten wurden, die wir heute nicht mehr als bestimmend für ein mitmenschliches Zusammenleben erachten. So war die Anerkennung des Wahlrechts für Frauen ein Verlust männlich dominierter Werte. Kennzeichnend ist, dass eine Bewertung aufgrund eines moralisierenden Richtigkeitsanspruches wirksam war und ist. Damit tappt man aber leicht in eine Falle, denn  z. B. kann Pünktlichkeit durchaus als Ausdruck von Respekt gegenüber den Mitmenschen verstanden werden, ebenso wie Ungehorsam als ein Zeichen besonderer Zivilcourage.
Über die Moralisierung von Werten wird versucht, den aus Sicht des Betreffenden wünschenswerten  Status quo zu konservieren oder ihm unbequeme Werte zu beseitigen. Ein Wert stört, also muss er diskreditiert werden.  Ein Wert ist gut, also muss er hochgehalten werden, und so erlangt er dogmatischen Charakter.  Nun dienen Werte  der Orientierung und der Setzung von Grenzen,  und ich will hier auch selbstverständlich nicht einer „wert(e)losen“ Gesellschaft das Wort reden - in einem früheren Artikel habe ich mich ja zu ethischem Handeln als Handeln im Rahmen einer gemeinsamen Wertevorstellung bereits geäußert -  nein, wichtig erscheint mir vielmehr,  dass wir uns einen klaren Blick auf  die Grundvoraussetzungen für ein menschliches Zusammenleben  bewahren. Nicht jeder Wert ist nur deshalb zu erhalten, weil er schon besteht und sich „logisch“ ableiten lässt. 
Nach Alfred Adler verfolgt der Mensch zeitlebens ein Ziel, welches generell „zum Nutzen“ oder „zu Lasten“ seiner Umgebung wirkt.  Er tut dies gemäß seines Lebensstils und  seiner privaten Logik und steht somit zwangsläufig nicht immer im Einklang mit seinen Mitmenschen, die ja ebenfalls ihre eigenen Ziele verfolgen.  Adler geht weiter davon aus, dass der Mensch aktiv werden soll, also nicht Anpassung an bestehende Realitäten lebt, sondern versucht, eine bessere zu schaffen.  Dass er dabei den Interessen und Werten einzelner Personen oder auch Gruppierungen  entgegen handeln kann, liegt in der Natur der Sache.
Wir sollten uns daher immer vor Augen führen, mit welcher Finalität der Verfall von Werten beklagt wird und uns einer allzu kurzfristigen Betrachtung enthalten. Einem Wandel von Werten können und dürfen wir uns nicht verschließen. Vielmehr sollten wir uns bei allem Wandel darum bemühen,  die individualpsychologischen Werte zu leben, das heißt, die Würde des anderen zu achten, ihn gleichwertig zu behandeln und seiner Individualität Rechnung zu tragen. Und das heißt auch, sich immer wieder einer Überprüfung der eigenen Werte zu stellen und sich aufs Neue zu positionieren. So schaffen wir die Voraussetzungen für ein konstruktives Leben in der Gemeinschaft.
Es lohnt sich.
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 19. Juli 2015